Achtundzwanzigster Brief
26. Oktober 2001
Michael Thiele
Lieber Freund der wesensgemäßen Bienenhaltung,
Es wird mir immer wieder vorgeworfen, es sei lächerlich, wenn man sich einbilden wollte, daß in den Texten von "seriösen" Persönlichkeiten etwas anderes als "Seriosität" zu finden sei und das Lächerliche ja wohl den geringsten Anteil daran haben könne. Warum das? Geschieht nichts Lächerliches in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so lächerlich? Ist das Lachen nicht eine Art Krankheitsvorsorge? Worauf kommt es denn an? Ist es nicht die Übung unserer Fähigkeit das Lächerliche zu bemerken; es unter allen Bemäntelungen, der Mode, sogar im feierlichen Ernst, leicht und geschwind zu bemerken? Wer schon etwas in Übung ist, dem bieten die Texte von "seriösen" Persönlichkeiten, wie zum Beispiel die des Herrn Walter Lang und Herrn Peter Grosch ein weites Feld der Übung. Die Komödie ist für Anfänger unentbehrlich, "seriöse", zum Teil "wissenschaftliche" Texte für den Fortgeschrittenen.
Welche Übung steht heute an? In den letzten beiden Briefen haben wir uns ausführlicher über die Honiggewinnung unterhalten wowie über Methoden, die die Qualität des Honigs erhalten (1). Ist es nicht verwunderlich, daß die Vorgaben der EG-Öko-Verordnung diesen Qualitätsansrüchen diametral entgegenlaufen? Und ist es verwunderlich, daß für Walter Lang der Begriff "Biohonig" durch die EU-Bio-Verordnung eindeutig definiert ist? Damit wäre die nächste Übung umrissen; außerdem werden wir in den folgenden Briefen die Bio-Kontrolle nach EG-Öko-Verordnung etwas genauer betrachten, denn dies ist für Imkereien zunehmend von Bedeutung. Aber davon später mehr.
Zunächst nocheinmal zu einer Veröffentlichung von Herrn Lang. In seiner Allos Honigfibel sagt er: "Allos - Der Bio-Honigspezialist ... setzt sich für vollwertige Ernährung und ökologischen Landbau ebenso ein wie für die ökologische Imkerei" (2). Diesen großen Satz wollte Herr Lang beweisen um alle seine Gegner und Konkurrenten am Honigmarkt, wo nicht auf einmal in die Enge zu treiben, doch wenigstens so zu brandmarken, daß sich keiner seiner Entfernung von der Ökologie und der EU-Bio-Verordnung mehr rühmen dürfe. Der Vorsatz war vortrefflich, und eines eifrigen Honighändlers würdig. Schade nur, daß sich die Wahrheit nicht immer nach unseren guten Absichten bequemen will. Nicht will? O sie wird müssen; wir verstehen uns aufs Beweisen. "Denn", sagt Herr Lang "alle Bereiche bilden zusammen die Grundlage für eine intakte Umwelt und naturbelassene Lebensmittel" (3). Da steht der Beweis und er ist dazu noch schön gesagt. Nun will Herr Lang weiter gehen: "Die EU-Bio-Verordnung regelt seit August 2000 verbindlich die Richtlinien für ökologische Bienenhaltung; damit ist seitdem auch der Begriff 'Biohonig' eindeutig definiert" (4). In den vorhergehenden Briefen haben wir gesehen, wie wenig der Begriff "Biohonig" definiert ist, und wie diametral die Qualitätsansprüche auseinanderklaffen. Aber Herr Lang schiebt uns eine Definition unter, die klar und eindeutig sein soll. - Kein Mensch wird diese Definition dafür erkennen. - Für Herrn Lang ergibt sich aber daraus sein "Anspruch an Bioqualität" (5) und daher habe er "weltweit eine positive Wirkung auf die Entwicklung der Imkerei" (6). So denkt er, und schleicht sich stillschweigend aus dem Paradoxo in die angrenzende Wahrheit.
Anstatt zu beweisen, daß ohne Allos, dem "Bio-Honigspezialist" keine intakte Umwelt, naturbelassene Lebensmittel und eine ökologische Imkerei sein könne, beweist er, daß da, wo eine intakte Umwelt ist, eher der "Bio-Honigspezialist" zu vermuten sei, als wo keine ist. Er versprach etwas zu beweisen, wobei wir alle die Ohren spitzten, stattdessen bewies er etwas, was keines Beweises braucht.
Wenden wir uns nun aber einer Sache zu, die eines wirklichen Beweises bedarf. Es ist gut den roten Faden im Auge zu behalten, gerade wenn von "Bio-Schwindel" oder "Öko-Kontrollstelle", von "Bio-Garantie" oder "Biosiegel" die Rede ist. An Hand eines Beispiels aus dem Bereich der Landwirtschaft zeigen wir die Schwierigkeiten, die Auftreten können, wenn eine Zertifizierung lediglich nach EG-Öko-Verordnung erfolgt. Doch davon mehr in den nächsten Tagen.
M.
(1) Briefe zur wesensgemäßen Bienenhaltung Teil II, Nr. 26-27. Bad Sooden, Germany.
(2) Allos/Walter Lang, 2001: Honigfibel mit Informationen und vielen Tips zum Thema Honig. Mariendrebber, Germany.
(3) Ibid.
(4) Ibid.
(5) Ibid.
(6) Ibid.
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