Neunundzwanzigster Brief
29. Oktober 2001
Michael Thiele
Der Zuschauer, der die Geschichte der "Bio-Kennzeichnung" durch die EG-Öko-Verordnung nicht kennt, verliert sich rasch in einem Chaos ihm ganz oder teilweise unverständlicher Äußerungen, Anspielungen und Vorfälle. Derjenige Zuschauer hingegen, der die Gesetzestexte, die Interpretationen und Kritiken gelesen hat und dem die wesensgemäße Bienenhaltung und die biologisch-dynamische Landwirtschaft viel bedeuten, ist entsetzt über die Oberflächlichkeit von Peter Groschs Ausführungen zu dem ihm vorgeworfenen "Bio-Schwindel" und seine zumindest ärgerliche Fahrlässigkeit.
Worum geht es? Herr Frühschütz von dem bekannten Naturkostmagazin in Deutschland "Schrot&Korn" sagt: "Hipp ist zwar kein Naturkost-Projekt, aber vermutlich das wichtigste Bio-Unternehmen der "normalen" Wirtschaft. Deshalb kann es weder Naturkost-Kunden noch ein Naturkost-Magazin kalt lassen, wenn hier in größerem Maße betrogen würde. Noch viel weniger, ... wenn auch das System der 'internen Qualitätssicherung', das weltweit eine Säule der Bio-Kontrollsysteme ist, völlig unzuverlässig wäre"(1).
Wie halten es denn die sogenannten Öko-Kontrollstellen nach EG-Öko-Verordnung mit der internen Kontrolle in Kombination mit externer Inspektion? Das folgende Beispiel handelt zwar von Bananen und Kleinbauern, dasselbe System wird aber auch auf Honig und Imkereien angewandt, wie uns die Beispiele Allos/Walter Lang und Martin Evers gezeigt haben (2). Was ist passiert?
Sollte der Vorwurf den Tatsachen entsprechen, "im Falle von Hipp habe die Kontrolle nicht funktioniert und es seien größere Mengen konventioneller Bananen zu Bio-Babynahrung verarbeitet worden, trifft deshalb die gesamte Bio-Branche" (3). - Zumindest den Bereich, der sich ausschließlich nach den Mindestanforderungen der EG-Öko-Verordung von sogenannten "Öko-Kontrollstellen" kontrollieren läßt. Das in diesem Fall praktizierte Kontrollsystem wird zwar "von allen international tätigen Zertifizierern angewandt, wenn es darum geht, große Mengen an Kleinbauern zu überprüfen" (4). Dennoch müsse man differenzieren.
Das Stichwort lautet "Internes Kontrollsystem". In der Praxis sieht das so aus: Kleinbauern, die biologisch anbauen wollen oder Imkereien, schließen sich zu einer Gruppe, etwa einer Genossenschaft, zusammen. Diese übernimmt nach externen Vorgaben die interne Kontrolle, besucht alle Bauern mindestens einmal im Jahr, berät sie und überprüft die Einhaltung der Anbauregeln. Zusätzlich gibt es natürlich auch eine soziale Kontrolle der Bauern untereinander - wenn herauskommt, dass unzulässig gespritzt oder gedüngt wird, besteht die Gefahr, dass die ganze Genossenschaft ihre Bio-Zertifizierung verliert. "Aber natürlich verlässt man sich nicht allein auf das interne Kontrollsystem. Der externe Zertifizierer kontrolliert mindestens einmal im Jahr die Gruppe, insbesondere die Dokumentation und das Funktionieren der internen Kontrolle. Zusätzlich überprüft er eine Stichprobe von mindestens 10 Prozent der Bauern direkt (wenn der externe Kontrolleur den Eindruck hat, dass das interne System gut funktioniert). Es können aber auch 20 oder 50 Prozent sein, wenn der Kontrolleur Zweifel hat. ... Die Qualität der Kontrolle leide nicht unter dem internen Kontrollsystem, sagen übereinstimmend alle Zertifizierer" (5).
- Nur werden die Kontrolleure des internen Kontrollsystems nach EG-Öko-Verordung geschult. Was heißt das? Der Standard, der den Schulungen zugrunde liegt, ist wesentlich niedriger, als der, nach denen private Zertifizierungsorganisationen vorgehen. Davon hängt es aber entscheidend ab, wie gut das System funktioniert. Besonders wichtig ist auch die Aufklärungsarbeit, die zu Beginn in das Projekt investiert wird, um den ökologischen Landbau und die wesensgemäße Bienenhaltung in den Köpfen und Herzen der Bauern und Imker zu verankern. Dies ist die Aufgabe der unabhängigen Trainingszentren. "Deshalb ist es durchaus sinnvoll zu fragen, ob die Produkte eines Anbieters aus Projekten mit langjährigen Beziehungen stammen oder auf dem Weltmarkt für Bio-Waren zusammengekauft wurden" (6).
Worauf ist also in erster Linie zu achten? Es ist wichtig zu erfahren, wie gut die im internen Kontrollsystem tätigen Inspektoren für ihre Aufgabe geschult wurden. Eine Schulung dieser Inspektoren nach EG-Öko-Verordnung ist vor allem im Bereich der Bienenerzeugnisse völlig unzureichend. Und wenn Herr Grosch das nicht versteht: so kann ich ihm freilich nicht helfen; und man muß ihm erlauben, so lange zu schwatzen als er will. Und wahrhaftig sein Geschwätz erregt ordentlich Mitleiden: Als Öko-Kontrollstelle beteuert er: "BCS ist die einzige nach EN 45011/ISO 65 akkreditierte deutsche Öko-Kontrollstelle und kann die korrekte Wirklichkeit konkret belegen" (7).
Es ist kaum verwunderlich, daß "es Probleme geben kann" (8). Das zeigt das Beispiel Hipp und Grosch erklärt uns Herr Frühschütz: "Der Geschäftsführer der Hipp-Tochter Trobanex wurde im Frühjahr 2000 gefeuert, weil er über eine Million Mark in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Ob angesichts solcher krimineller Energie das interne Kontrollsystem, dass eben dieser Geschäftsführer aufgebaut hat, ordentlich funktionierte, ist fraglich. Schließlich hat der Geschäftsführer an jeder Banane mitverdient, die er an Hipp lieferte. Peter Grosch, der Leiter der für das Hipp-Projekt zuständigen Kontrollstelle BCS Öko-Garantie, sagt, er habe das interne Kontrollsystem regelmäßig überprüft, ebenso jeden neu hinzu gekommenen Lieferanten. Dass etwa 40 bis 50 Bauern wegen des Einsatzes von Chemikalien ausgeschlossen wurden, ist für Grosch ein Beleg für das Funktionieren des Kontrollsystems" (9). - Also doch alles nur ein Wortstreit? Für Herrn Grosch vielleicht. Ich errege dem Verfasser von "Der 'Bio-Schwindel', eine Stellungnahme" (10) keinen Wortstreit. Denn es ist kein Wortstreit mehr, wenn man zeigen kann, daß der Mißbrauch der Wörter auf wirkliche Irrtümer leitet.
Doch dieser Irrtum ist bei ihm nur der Übergang zu einem größeren. Hören Sie, wie es weiter geht: "Etwas kritischer sieht dies die Europäische Union. Sie hatte im November 2000 Auditoren nach Costa Rica geschickt, um das dortige Öko-Kontrollsystem zu inspizieren. In dem Bericht ist in Bezug auf das dortige BCS-Büro von einer "ärmlichen Dokumentation" des Inspektionssystems die Rede sowie von unvollständigen und mangelhaft geführten Unterlagen. Peter Grosch räumt ein, dass das Büro in Costa Rica schlecht organisiert gewesen war. Der größte Teil der als fehlend monierten Unterlagen sei vorhanden, aber auf die Schnelle nicht auffindbar gewesen. Dass "nicht alles immer so war, wie es sein sollte", begründet Peter Grosch mit dem schnellen Wachstum von BCS" (11).
Es sind überhaupt alle seine Begründungen und Stellungnahmen von ganz sonderbarem Schlage. Von einer einzigen lassen Sie mich nur noch ein paar Worte sagen.
Grundsätzlich hat er nichts gegen Kritik. Das kommt in seinem Lob der Zeitschrift Schrot &Korn zum Ausdruck: er meint, daß er "dieses Blatt immer als waches und kritisches, als gesund provokatives Szeneorgan empfunden habe" (12), obwohl er "keineswegs immer mit allem einig" (13) war. Dennoch spart er nicht an Lob: "Das ändert aber nichts daran, dass diese 'Instanz' S+K einfach gut ist und immer 'dran'. Es wird nicht leicht sein besser zu werden, einfach weil Ihr schon so gut seid: Dranbleiben heißt mitentwickeln, Anstöße geben und Anstoß erregen, damit die Dinge dahinter sichtbar werden... mit Zivilcourage, Sachverstand und Visionen!" (14) - Was er von Kritik hält, wenn die "Dinge dahinter sichtbar werden" und welche Begründungen er anführt, erfahren wir in der Fortsetzung (15).
M.
(1) Frühschütz, L., 2001: "Max" und die Bio-Bananen. Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 11/2001, p. 49-52, Schaafheim/Germany.
(2) Briefe zur wesensgemäßen Bienenhaltung Teil II, Nr. 25ff. Bad Sooden, Germany.
(3) Frühschütz a.a.O.
(4) Ibid.
(5) Ibid. Mehr über Kontrollsysteme, siehe Kurs über wesensgemäße Bienenhaltung #03, Teil I sowie Kurs für Zertifizierer #25. Bad Sooden, Germany.
(6) Ibid.
(7) Peter Grosch/BCS ÖKO-GARANTIE, 2001: ‚ Der Bio-Schwindel' in der Zeitschrift MAX vom 6.9.2001, Stellungnahme. BCS-Mitteilung vom 08.09.01, Nürnberg, Germany.
(8) Frühschütz a.a.O.
(9) Ibid.
(10) Grosch a.a.O.
(11) Frühschütz a.a.O.
(12) Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 9/2000, Grußworte, Schaafheim/Germany.
(13) Ibid.
(14) Ibid.
(15) Briefe a.a.O. Teil II, 30ff.
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